r/informatik • u/AleksandrMaj • 17h ago
Arbeit 130 Tage Baustelle statt Homeoffice: Mein Alltag als Softwareentwickler in der Industrieautomatisierung (Level 2)
Wenn ich hier durchscrolle, dreht sich fast alles um Web-Stacks, Cloud, Docker und die Frage, ob 100 % Homeoffice noch zeitgemäß ist. Mein Alltag sieht aber komplett anders aus und diese Erfahrung wollte ich einmal teilen, um auch mal eine andere Seite zu zeigen, vielleicht ist das für den ein oder anderen ja mal einen Blick wert statt sich bei irgendwelchen Startups für wenig Geld zu bewerben. :)
Ich arbeite in einer Nische, die viele gar nicht auf dem Schirm haben und ich davor auch nicht: Industrieautomatisierung im Level-2-Bereich (Produktionsüberwachung, Materialtracking und Prozessoptimierung von Großanlagen).
Letztes Jahr hieß das für mich: Über 130 Tage auf Inbetriebnahme in einer Fabrik in Ägypten. Sicherheitsschuhe, Helm und Gehörschutz statt Noise-Cancelling. Ich arbeite primär an Software, die teilweise Maschinen steuert oder deren Abläufe, wodurch tonnenschwere Objekte bewegt werden oder Sachen gegeneinander knallen.
Ein paar Realitäten, die meinen Job grundlegend von klassischer Softwareentwicklung unterscheiden:
- Kein K8s, kein schnelles Rollback: Wenn mein Code einen Fehler hat, kann ich nicht einfach nen Docker-Container neustarten. Ein Bug kann Maschinen im Millionenwert schrotten, die Produktion lahmlegen, was extrem teuer sein kann, oder in seltenen Fällen sogar die Leute die bei den Maschinen arbeiten verletzen. Ab und zu hört man mal, dass irgendwo auf einer Baustelle was passiert ist, aber zum Glück habe ich bis auf Sachschäden nichts schlimmeres erlebt, obwohl es manchmal schon etwas knapp war. Andere Kollegen haben da auf jeden Fall schon mehr erlebt.
- Die Realität auf der Baustelle: Inbetriebnahme bedeutet 6 Tage die Woche, 10 bis 12 Stunden Schicht, plus Transfer. Es gibt wenige klimatisierte Räume: Staub, 40 Grad Hitze, instabile Netzwerkverbindungen (Das ist das Schlimmste) und Mechaniker oder Elektriker, die dir sagen, dass ein Sensor falsch angeschlossen ist und du das doch „eben schnell per Software abfangen“ sollst.
- Der Tech-Stack: ASP.NET und Angular, aber bei beiden schon ziemliche alte Versionen. Kommunikation zur SPS mit OPC UA auf Byte-Ebene ist eines unserer Hauptaufgaben und als DB nutzen wir MSSQL. Klingt nach nichts besonderem, aber kann mit Stolz behaupten, dass es für diese Industrie doch noch fortgeschritten ist, weil viele Anwendungen noch auf WPF laufen.
Der Grund, warum ich das mache: Man sieht seinen Code physisch in der echten Welt anstatt nur auf Bildschirmen und diese Begeisterung hält bis heute an. Wenn der Boden vibriert und der Code genau so funktioniert, wie man gedacht hat, kickt das anders als jedes Web-Deployment, was ich eigentlich auch mache für private Projekte halt.
Die andere Seite ist nun mal: Über ein Drittel des Jahres aus dem Koffer zu leben, geht sozial und mental massiv an die Substanz. Einsame Nächte im Hotel, wenig Zeit um mit Familie und Freunden zu telefonieren und manchmal tun einem die anderen Menschen in den Ländern leid und unter welchen ekelhaften Bedingungen die dort teilweise arbeiten.
Gibt es hier andere Entwickler aus dem OT-/Automatisierungsbereich? Wie siehts bei euch aus? Wäre mal interessiert an anderen Lebensweisen oder nem Austausch.